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12.08.2007: Politisch korrekt bis über beide Ohren


Geht es um deutsche Geschichte, gibt es zwar für die Zeit von 1933 bis 1945 eine gesetzlich vorgeschriebene Geschichtsschreibung, nicht jedoch für weit davor liegende Zeiten. Jedenfalls sollte man erwarten, dass man über das Spätmittelalter schreiben und forschen darf wie man lustig ist. Ein Indiz dafür ist auch, dass in den letzten Jahren erfreulich viele Museen erweitert, Gedenksteine aufgestellt und Dorfchroniken verfasst wurden. So beispielsweise auch in Bornhöved (Kreis Segeberg).

Die Gemeinde, heutzutage nur noch von geringer politischer Bedeutung, war im Spätmittelalter, zwischen 1397 und 1470, das politische Zentrum Holsteins. Damals traf sich die Ritterschaft regelmäßig zum Landesthing auf dem Vierer Berg, der heutigen Grenze zwischen den Kreisen Segeberg und Plön. Schon in zeitgenössischen Schriften wurde das Treffen der bis zu 1500 Adligen und Knappen „Thing“ genannt, schließlich wurden hier nach altgermanischer Sitte Streitigkeiten geschlichtet und über politische Entscheidungen beraten.

Jahrhundertelang war der Ort völlig vergessen, nicht einmal ein kleines Schild weist auf diese geschichtlich bedeutsame Stelle hin. Insofern ist es sehr zu begrüßen, dass geschichtlich interessierte Bürger aus der Umgebung eine Arbeitsgemeinschaft gegründet haben. Sie wollen einen zwei Meter hohen Gedenkstein errichten und diesen mit einer Gruppe von Findlingen umgeben. Diese Darstellung erinnert an das Thing und ähnelt auch vielen anderen alten und nachgebauten Thingstätten. Auf dem Gedenkstein soll eine Inschrift auf die frühere Bedeutung dieser Stelle hinweisen, für die Zukunft sind auch weitere Informationen geplant.

In Zeiten knapper Kassen sind selbst derartige kulturelle Aufwendungen schwer durchzusetzen, doch daran scheiterte es hier nicht. Nein, problematisch war offensichtlich allein die Einigung auf die Inschrift, genauer gesagt die offizielle Bezeichnung dessen, was hier vor 600 Jahren passierte. Naheliegend war natürlich „Thing“ oder „Landesthing“, schließlich wurde es damals auch so genannt. Doch politisch überkorrekt warnte der ehemalige CDU-Landtagskandidat und Historiker Hans-Dieter Bechtold, das Wort Thing würde zu sehr an das Dritte Reich erinnern: „Vom Thing kommen manche schnell zum Gau, und vom Gau dann schnell zum Gauleiter“. Getreu dem Motto „das haben die Nazis auch gehabt“, wird hier also eine historisch korrekte Bezeichnung aus Gründen der „political correctness“ strikt abgelehnt. Erstaunlich ist die Einlassung des CDU-Antifaschisten allerdings, schließlich hielt er selbst noch im Jahr 2003 einen Vortrag unter dem Motto „von Gau und Goding zur Entstehung landständiger Vertretung in Holstein“ über selbiges Thing. Somit scheint auch seiner damaligen Auffassung nach nicht nur das Wort „Thing“ den historischen Tatsachen durchaus angebracht zu sein, sondern auch der „Gau“ (der nebenbei selbstverständlich auch einen oder mehrere „Leiter“ hat, eben das Thing).

Doch politisch korrekt wie man sich in Zeiten der erstarkenden nationalen Opposition geben muß wurde alles geschichtliche Wissen und jeglicher historischer Eifer beiseitegeschoben: statt „Thing“ wird es auf dem Gedenkstein nun „Landesversammlung“ heißen. Dieses Wort hat zwar keinerlei historischen Hintergrund, aber man könne so wenigstens der Vereinnahmung durch „Rechte“ vorbeugen!

Geschichtsbewusste Bürger können das Denkmal-Projekt mit Spenden unterstützen. Die Überweisung soll auf das Konto Nr. 79394180 bei der Volksbank Neumünster (BLZ 21290016) unterstützen, Verwendungszweck laut Arbeitsgemeinschaft: „Landesversammlung/Landesthing“. Beim Geld scheint die politische Einstellung also noch unwichtig zu sein. Allerdings sollte jeder Spendenwillige vorher auf die historisch korrekte statt auf die politisch korrekte Bezeichnung drängen: unter Tel. 0 43 23/ 78 30 ist Arbeitsgemeinschaftsleiter Dr. Zeretzke zu erreichen, der ebenfalls vehement gegen das Wort „Thing“ stimmte.

Doch eines ist sicher: wir haben nicht nur an der Geschichte von 1933-45 Interesse, sondern an der gesamten Geschichte unserer Vorfahren. Und unser Interesse an Holsteins Vergangenheit lassen wir uns gewiß nicht durch die willkürliche Benennung eines Versammlungsortes benennen. Wir amüsieren uns lediglich kurz über die panische Angst vor uns und behalten die Vergangenheit politisch unverfälscht im Hinterkopf. Zudem bieten derartige Panikhandlungen so wie hier immer wieder die Möglichkeit, den Nachbarn vorzuführen, bei wie vielen Kleinigkeiten bewußt verfälscht und gelogen wird. Und da soll man glauben, dass nicht auch bei wichtigen Angelegenheiten gefälscht und gelogen wird?


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