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23.04.2007: Unsinniger Polizeieinsatz in Neumünster


Letzten Freitag sollte im Club 88 in Neumünster eine kleiner Liederabend stattfinden, wie sie der Betreiber alle paar Wochen veranstaltet. Obwohl diese privaten Veranstaltungen seit Jahren störungsfrei verlaufen und von Linken sowie Polizei ignoriert werden, sollte diesmal alles anders sein. Schon am frühen Abend kam die Polizei auf die Betreiberin des Clubs zu und verlangte, daß fünf Beamte mit ihren schicken Schildkröten-Schutzanzügen an der Veranstaltung teilnehmen wollten. Angeblich wären die geladenen Musiker dafür bekannt, verbotene Lieder abzuspielen. Der Wunsch der Beamten wurde jedoch prompt abgelehnt, schon allein weil fünf derartig ausstaffierte Beamte einen Großteil der Stehfläche in der kleinen Kneipe ausfüllen würden. Sichtlich verärgert, weil ihnen die Teilnahme an einem gemütlichen Abend verweigert wurde, drohten die Beamten nun damit, die Feierlichkeit zu stürmen und bereiteten sich sogleich darauf vor. Neben einer Hundertschaft schwer bewaffneter und überall gepolsterter Einsatzbeamten wurde auch ein Gefängnisbus herangekarrt, auch eine Lichtmaschine auf LKW und Wasserwerfer durften natürlich nicht fehlen.

Davon völlig unbeeindruckt reisten die zuvor geladenen Gäste aus der Umgebung an und ließen sich von dem martialischen Aufgebot nicht abschrecken. Trotz der „feindlichen Übermacht“ ließen sich viele Gäste die Stimmung nicht vermiesen und etwa 50 Freunde des Club 88 feierten einen lustigen und gemütlichen Abend. Einzig negativ war die schlechte Luft, da zur Abwehr ungebetener Gäste sowohl die Vorder- als auch die Hintertür dauerhaft geschlossen war. Doch die Polizei beharrte immer noch auf ihrem Plan, der Veranstaltung beiwohnen zu wollen. Die Betreiberin des Clubs hatte das Ansinnen auch nach Rücksprache mit einem Anwalt erneut abgelehnt, doch der Polizeileitung war anscheinend nicht an Diskussionen und Paragraphen gelegen. Ganz sicher war sie sich jedoch nicht; ihrer Ankündigung, um 22 Uhr das Gebäude zu stürmen, ließ sie lange Zeit keine Taten folgen. Stattdessen wurden (nachdem ein Teil der Gäste vorsichtshalber den Heimweg suchte) die Eingänge umstellt und durch unzählige Scheinwerfer mit gleißendem Licht bedacht.

Erst als die Konservenmusik ausgestellt wurde und die Musiker die Gitarre ergriffen, machte die Polizei ernst. Sie bohrte das Türschloß auf und zwei Beamte guckten (unter Helm und Schild versteckt) vorsichtig durch den Eingang hinein. Die Stimmung der Gäste allerdings konnte dadurch nicht getrübt werden, lautstark sangen alle gemeinsam das Deutschlandlied. Dem polizeilichen Befehl, eine Gasse zu bilden, kamen die Gäste - preußisch-deutsch erzogen – schnellstmöglich nach. So konnten nicht nur fünf, sondern ganze zehn Beamte im Entenmarsch und ob der feiernden Übermacht trotz starker Schutzbewaffnung mit sichtlich unwohlen bis aggressiven Gefühlen die Gaststätte betreten. Obwohl nun aus Platzgründen keine Bewegung mehr möglich war, ließ sich keiner der Gäste von bösen Polizeiblicken provozieren. Nach fünf Minuten der Bewegungslosigkeit auf beiden Seiten drehten sich die Beamten um und gingen. Triumphierend können sie nun zwar zu Hause erzählen, auch einmal im berüchtigten Club 88 gewesen zu sein; der Plan, der vermutlich hinter dem auf den ersten Blick unsinnigen Haufriedensbruch stand, ging jedoch nicht auf. Hätten die (in einer Kneipe verständlicherweise) angetrunkenen Gäste sich gegen das polizeiliche Eindringen gewehrt, könnte die Polizei ihren Vorstoß im Nachhinein legitimieren und öffentlichkeitswirksam möglichst viele „brutale rechte Schläger“ verhaften. Da alles friedlich blieb, hatten die Beamten keine Wahl, die Feier weiterlaufen zu lassen. Lediglich eine Bedingung stellte sie nach ihrem Abrücken aus der Kneipe: die Tür müsse aufbleiben. Das störte die Gäste jedoch nicht, schließlich gab es so endlich etwas frische Luft.

Bis in den Morgen wurde nun drinnen gefeiert, während die Beamten draußen in ihren unbequemen Kleidungen standen und sich langweilten. Zwei Beamte standen ängstlich und hinter Helm und Schild versteckt direkt am Eingang, während der Rest den leeren Platz vorm Eingang einkesselte. Sowohl Zahlenverhältnis als auch Gesichtsausdrücke und Bewaffnung erinnerten ziemlich an Asterix und die Römer. Erst gegen vier Uhr Morgens sah auch die Polizeileitung die Sinnlosigkeit ihres Unterfangens ein und beendete den Einsatz. Völlig erfolglos fuhren Gefängnisbus und Beamte frustriert (oder erleichtert?) nach Hause, für die Einsatzleitung war die Schlappe offensichtlich so groß, daß dieser stundenlange und personalstarke Einsatz nicht einmal mit einer Pressemeldung bedacht wurde, im Gegensatz zu diversen Einbrüchen, Trunkenheitsfahrten und Verkehrsunfällen mit Blechschaden von gleichen Abend. Und im Anschluß verließen Stück für Stück auch die Gäste das Lokal.

Obwohl der Abend trotz der Polizeischikane einem Großteil der Gäste gefallen hat, wird nach Aussage der Betreiberin ein juristisches Nachspiel nicht lange auf sich warten lassen. Schließlich muß die von der Polizei aufgebohrte Tür repariert werden, der vorzeitige Heimweg einiger der Gäste brachte Umsatzausfälle und auch die polizeilich verhinderten Live-Musiker verlangen Fahrtkosten, die der Club nun ohne Gegenleistung bezahlen mußte. Doch auch wenn die Polizei gerichtlich zur Übernahme aller verursachten Kosten gezwungen wird, war der stundenlange Einsatz an sich noch weitaus teurer. Der Steuerzahler merkt glücklicherweise nie direkt, wie sein Geld für unnötige Einsätze vergeudet wird. Sinnvoller wäre ein Polizeieinsatz auf der anderen Seite der Stadt gewesen, wo unbekannte Randalierer mehrere Autoscheiben einwarfen!


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